El Cant de la Sibil.la & Draumkvedet
El Cant de la Sibil.la & Draumkvedet
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Katalognummer: CD-16333
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tracklist
Tracklist von "El Cant de la Sibil.la & Draumkvedet"
El Cant de la Sibil.la de Barcelona
01. Refrain: Al jorn del judici parrà qui haurà fayt servici1:15
02. Verse 1-32:32
03. Anonyme - Trotto (Instrumental, 14th century)2:02
04. Verse 4-51:37
05. Choir I (Petter Udland Johansen)0:36
06. Verse 60:48
07. Choir II (P. U. Johansen)0:34
08. Verse 71:11
09. Verse 80:36
10. Anonyme - Quandi i Oselli1:27
11. Verse 9-101:15
12. Anonyme - Ad mortem festinamus (14th century, Llibre Vermell de Montserrat)1:46
13. Verse 111:09
14. Verse 120:38
15. Choir III (P. U. Johansen)0:48
Draumkvedet
16. Instrumental I (P. U. Johansen)1:52
17. Verse 1-52:53
18. Ecce stella in Oriente praevisa iterum (Gregorian chant)1:10
19. Verse 60:33
20. Choir I (P. U. Johansen)0:22
21. Verse 7-155:02
22. Choir II (P. U. Johansen)0:40
23. Verse 16-234:31
24. Choir III (P. U. Johansen)0:42
25. Verse 24-282:47
26. Instrumental II (P. U. Johansen)1:52
27. Verse 29-374:24
28. Choir IV (P. U. Johansen)0:22
29. Verse 38-454:38
30. Choir V (P. U. Johansen)0:24
31. Verse 46-513:23
32. Choir VI (P. U. Johansen)0:30
33. Instrumental III (P. U. Johansen)1:25
34. Verse 520:49
35. Choir VII (P. U. Johansen)0:35
El Cant de la Sibil.la de Girona
36. Planctus Sibyllarum 2:05
37. Refrain: Al jorn del judici parrà qui haurà fayt servici0:28
38. Choir I (Anonyme, 16th century)0:43
39. Verse 1-23:17
40. Verse 3-43:23
41. Verse 5-6 2:39
42. Choir II (Bartomeu Càrceres 1546 – ?)0:47
43. Verse 7-82:41
44. Choir III (Alonso, 16th century)0:47
45. Verse 9 1:23
46. Imperayritz de la ciutat joyosa (Anonyme 14th century, Llibre Vermell de Montserrat)1:40
47. Verse 10-113:20
48. Verse 121:19
49. Choir IV (Bartomeu Càrceres 1546 – ?)0:38
Booklet-Text
El cant de la Sibil.la & Draumkvedet
Mystische Gesänge zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren
In diesem Programm widmet sich das Ensemble Hirundo Maris zwei mystischen Gesängen, die zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren oszillieren und ihre Wurzeln im Mittelalter haben. Dank ihrer Schönheit und Magie wurden sie über die Jahrhunderte hinweg gesungen und halten diese alte Tradition bis in unsere Zeit lebendig. Hirundo Maris verbindet den Norden mit dem Süden durch diese geheimnisvolle musikalische Reise. Sowohl der Gesang der Sibylle als auch Draumkvedet haben alte Ursprünge, aber erst im Mittelalter und in der Renaissance gewinnen sie an Bedeutung und werden in der Volkssprache, in diesem Fall Katalanisch und Norwegisch, gesungen. Sowohl el cant de la Sibil.la als auch Draumkvedet werden in der Weihnachtsnacht gesungen und tragen eine apokalyptische, prophetische Botschaft: Es sind göttliche Visionen und Offenbarungen, die der Menschheit übermittelt werden, das Ende einer Welt und die Geburt einer neuen Welt. Eine mystische Reise zum Ende der Zeit.
Das Lied der Sibylle stammt aus der Antike, aber die ersten musikalischen Spuren finden sich im 13. Jahrhundert. Es ist das Lied der Apokalypse, des Jüngsten Gerichts, aber auch der Ankunft einer neuen Welt. Es ist die weise Stimme einer weiblichen Figur, die mit der herzzerreißenden Schönheit ihres Gesangs Hoffnung durch Vergebung vermittelt. Im klassischen Griechenland ist die Sibylle der Archetyp der Prophetin, eine Frau der Weisheit und Trägerin göttlicher Offenbarungen, ein Medium, das das Orakel übermittelt. Diese legendäre Figur der heidnischen Seherin wird vom jüdisch-christlichen Monotheismus assimiliert und überarbeitet und übernimmt im Christentum eine transzendentale Rolle als Übermittlerin des Wortes Gottes.
In diesem Programm haben wir die erste Sibylle ausgewählt, die auf Katalanisch gesungen wird, eher syllabischer Natur ist, in der Kathedrale von Barcelona zu finden ist und 1415 niedergeschrieben wurde. Die andere Sibylle, die wir ausgewählt haben, stammt aus Girona und wurde 1550 niedergeschrieben, was jedoch nicht bedeutet, dass sie nicht schon viel früher gesungen wurde! Die Sibylle der Kathedrale von Girona ist eine der melismatischsten. Beide Sibyllen beginnen jedoch mit einem aufsteigenden Quintintervall, was auf ein helles, kosmisches und sakrales Lied hindeutet. Im 16. Jahrhundert wurde es üblich, die Refrains der Sibylle mehrstimmig zu singen, und hier haben wir einige polyphone Chöre von großer Schönheit ausgewählt, einige anonym, andere von Bartolomé Cárceres und Alonso. Im Jahr 2010 wurde El cant de la Sibil.la zum Weltkulturerbe erklärt.
Hirundo Maris ist stolz darauf, in ihrem neuesten Album ihre einzigartige Interpretation von Draumkvedet, einer fesselnden norwegischen mittelalterlichen Ballade, zu präsentieren. Diese Adaption bewahrt nicht nur die Essenz des Originals, sondern bereichert es auch um neue musikalische Perspektiven.
Draumkvedet, oder „Das Traumgedicht“, ist ein rätselhaftes und faszinierendes Stück norwegischer Folklore, das oft als einer der wertvollsten kulturellen Schätze des Landes angesehen wird. Seine eindringlichen Verse erzählen von einer Traumreise ins Jenseits und symbolisieren Themen wie Leben, Tod und Erlösung, die tief mit der menschlichen Erfahrung resonieren.
Für diese neue Aufnahme hat Hirundo Maris 52 Verse aus der Ballade sorgfältig ausgewählt und sie mit vier traditionellen Volksmelodien zum Leben erweckt. Diese Melodien wurden oft zum Singen dieses reichhaltigen Textes verwendet, und die Gruppe hat sie aufgegriffen, um eine Verbindung zur Vergangenheit herzustellen.
Die neue Chor- und Instrumentalmusik in dieser Interpretation wurde exklusiv von Petter Udland Johansen, einem führenden Mitglied der Gruppe, komponiert. Seine Kompositionen verleihen der zeitlosen Ballade Frische und verbinden Altes mit Neuem, Tradition mit Innovation. Seine anderen musikalischen Arrangements auf dem Album verbinden nahtlos verschiedene musikalische Elemente zu einem ganzheitlichen Hörerlebnis.
Diese einzigartige Version von „Draumkvedet” von Hirundo Maris ist eine Hommage an die mittelalterliche norwegische Kultur und ein Beweis für die unbegrenzten Möglichkeiten der Musik. Sie lädt die Zuhörer zu einer mystischen Reise ein, die über die Zeit hinausgeht und von uralten Melodien und frischen Klanglandschaften geleitet wird.
Mit herzlicher Dankbarkeit sprechen wir dem Ensemble vocal de Saint-Maurice und seinem geschätzten Dirigenten Charles Barbier unseren aufrichtigen Dank aus. Ihre meisterhafte Zusammenarbeit und leidenschaftliche Darbietung während der Premiere von El Cant de la Sibil·la und Draumkvedet am 18. März 2023 in der Basilique Abbaye St-Maurice haben unsere musikalische Vision zum Leben erweckt. Ihre Kunstfertigkeit hat unserem Werk eine Tiefe und Anmut verliehen, die wir für immer schätzen werden.
Wir sind auch sehr dankbar für die wertvolle und großzügige Hilfe der großartigen Musikwissenschaftlerin Maricarmen Gómez Muntané, einer Spezialistin für das Lied der Sibylle, mit der wir intensiv zusammenarbeiten konnten und die uns geholfen hat, diese faszinierende Welt der Sibylle besser zu verstehen.
Dieses Programm, das sich um die beiden mystischen Gesänge dreht, wurde von Hirundo Maris sorgfältig zusammengestellt, um uns auf eine Reise zum Thema Winter mitzunehmen, auf der die Grenze zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren sehr subtil und voller Geheimnisse sein wird.
Arianna Savall und Petter Udland Johansen, 17. August 2023, Maisprach
El Cant de la Sibil.la
Der Ursprung des Gesangs der Sibylle geht auf das 10. Jahrhundert zurück, als eine Predigt in Mode kam, die unter dem Titel De symbolo die Prophezeiungen über den Heiland aufzählte. Die letzte war jene der Erythraeischen Sibylle, deren Orakel im heidnischen Altertum hoch geschätzt waren. Einige davon wurden im römischen Kapitol verschriftet aufbewahrt, wo sie der Beantwortung wichtiger Staatsangelegenheiten dienten. Das Verfahren bestand aus der zufälligen Auswahl einer Zeile aus den sibyllinischen Schriften, worauf ein Akrostichon in Versform entstand, das die gestellte Frage beantwortete. Auf dieser Grundlage wurde die Inspiration der prophetischen Stimme der Sibylle zugeordnet.
Zur Verbreitung zunächst des jüdischen und später des christlichen Glaubens entstanden Fälschungen der sibyllinischen Prophezeiungen. Die auffälligste ist wahrscheinlich jene, die Augustinus von Hippo in De civitate Dei in einem Akrostichon in Versform wiedergab, die übersetzt aus dem Griechischen „Jesus Christus, Sohn Gottes, Heiland“ lautet. Hier prophezeit die Sibylle nichts anderes als die kosmischen Katastrophen, die laut Evangelien die zweite Ankunft Christi ankündigen, auf welche das Jüngste Gericht und das Erlöschen des Universums folgen: Iudicii signum.
Nach dem Tod Karls des Großen versank das europäische Abendland in einem Chaos aus ständigen Kriegen, Angriffen normannischer Piraten und der Expansion des Islam. So ist kaum verwunderlich, dass die Bevölkerung von tiefem Pessimismus ergriffen wurde, dem die nahende Jahrtausendwende weiter zusetzte. Gemäß der Apokalypse sollte es dann zum Jüngsten Gericht kommen, was die Kirche zur Wiederbelebung der alten Predigt De symbolo mit der von Augustinus von Hippo verbreiteten Prophezeiung veranlasste. Daraus entstand eine Lesung der Matutin am Weihnachtstag, um die erste Ankunft des Heilands zu feiern und zugleich seiner (etwaig) bevorstehender Rückkehr zu gedenken.
Wann und wo die apokalyptischen Verse der Sibylle vom Lesetext zum Gesang übergangen ist unbekannt. Wie dem auch sei, waren sie im 11. Jahrhundert bereits vertont und in einer merkwürdigen Komposition aus dreizehn Strophen mit Kehrreim strukturiert – ein einzigartiger Fall im gregorianischen Repertoire. Aufgeführt wurden sie üblicherweise durch einen oder zwei Solisten mit Chor.
Nicht minder außergewöhnlich war der Umstand, dass vier Jahrhunderte später die sibyllinischen Verse auf der Iberischen Halbinsel ausgehend von einem okzitanischen Vorbild ins Katalanische und Spanische übersetzt wurden. Dadurch wurde die althergebrachte Melodie von Hexametern in Reimverse umgeändert. Die Verse wurden nach wie vor im Rahmen der entsprechenden Predigt gesungen, jedoch wurde die Solostimme von einem Jungen – in einigen Frauenklöstern von einem Mädchen – übernommen, der als Sibylle auftrat.
So ereignete es sich etwa in der Kathedrale zu Barcelona, deren älteste Fassung des Gesangs der Sibylle – die Bezeichnung erhielt es nach seiner Dramatisierung – aus dem frühen 15. Jahrhundert (Manuskript 184b des Domkapitelarchivs) stammt. Dies war auch an zahlreichen weiteren Orten der Fall, bis das Konzil von Trient (1563) De symbolo aus der Liturgie strich und so einem jahrhundertealten Brauch ein Ende setzte.
Doch nicht überall setzte sich diese Änderung durch. So blieb etwa in Mallorca der Gesang aufgrund seiner großen traditionellen Bedeutung bis in die Gegenwart erhalten und wird im Vorfeld der Christmette aufgeführt. Dessen Wandel war langsam, aber radikal. Die Melodie, die sich fast sechs Jahrhunderte lang unverändert gehalten hatte, wurde nach und nach um zierreiche Melismen ergänzt, die zuvor in der traditionellen Musik des Mittelmeerraums, jedoch nicht im gregorianischen Gesang zu finden waren. Dieser Prozess setzte wohl noch vor der Abschaffung der Predigt ein, wovon eine der letzten „offiziellen“ Fassungen des Gesangs der Sibylle kostbares Zeugnis ablegt: das Ordinarium sacramentorum der Diözese Girona (Barcelona 1550).
Nach jahrhundertelangem Schweigen leiht nun Arianna Savall ihre empfindsame Stimme dieser Sibylle von Girona sowie der über zweihundert Jahre älteren Fassung von Barcelona, in Erwartung, dass die apokalyptischen Drohungen niemals aktuell werden. So wie Orpheus, der mit seiner Lyra die höllischen Furien zu zähmen vermochte, zupft Arianna an den Harfensaiten, deren engelhaften Töne den Klang der Posaunen des Jüngsten Gerichts, auf deren Bedrohlichkeit die Erythraeische Sibylle Bezug nimmt, zu übertrumpfen suchen.
Maricarmen Gómez Muntané
Draumkvedet
„Wenn du zuhören willst, kann ich für dich singen –“
Vor langer Zeit, im Spätherbst
und im Zeitalter von Draumkvedet (Das Traumgedicht)
Eine gebeugte Bettlerin mit einem Betteltasche und einem Stock machte sich auf den Weg entlang des Waldweges zwischen zwei abgelegenen Bauernhöfen. Wind, Regenschauer und Schnee in den Höhen. Sie spürte, wie Zweige und Heidekraut an ihrem zerfetzten Rock hängen blieben. Es zog und zerrte, als wolle jemand Unsichtbares mit ihr sprechen. Sie kam an Svaringsberget vorbei und hockte sich dort hin, wie sie es gewöhnlich tat. Ein Geräusch in ihrer rostigen Stimme. Sie kannte die Mulden in Langurd und alle Kurven in Tårekleiv.
Immer wieder blieb die alte Frau stehen und stützte sich auf ihren Stock. Ihr Atem brannte in ihrer Brust. Am meisten fürchtete sie Kloppmyr. Dort gab es rutschige Baumstämme und es war nass. Die ganze Zeit murmelte sie Verse aus „dem alten Gedicht“. Das Flüstern des Waldes verwirrte ihre Erinnerung. Die alte Frau mochte ihn nicht und sah ihn mit blassen Augen an. Ihr Gesicht wirkte grau und schmutzig. Wie ein Schatten betrat sie den Hof. Es war kein „Vardyvle“ oder eine Plage, die auf den Hof kam, es war Draumkvedet.
Eine Bettlerin war nicht willkommen. Ihre Lumpen flatterten, ihre Betteltasche lag leer auf dem Boden, Gestank und Läuse folgten ihr. Nass und klamm saß sie am Kamin. Die alte Frau sang. Die Verse und der Ton waren alt und traurig. Die Menschen hörten zu. Sie boten ihr warmen Brei und gute Milch an. Die Hoffnung wuchs: Vielleicht könnte sie drinnen schlafen, wenn sie mehr sang. Sie setzte sich auf, saß da mit der Schüssel Brei auf dem Schoß und sang aus Draumkvedet. Viele Verse mit seltsamen Worten und einem ernsten Refrain.
„Gesegnet ist derjenige in seinem Geburtshaus, der den Armen zu essen gibt; er kümmert sich in der anderen Welt weder um Hass noch um Verachtung.“
Die Zunge spricht und die Wahrheit antwortet am Tag des Jüngsten Gerichts.
Worte und Melodien hallten im Wohnzimmer wider. Die alte Frau bedankte sich für den Brei und versprach eine Belohnung am Ende des Lebens. Das Lied enthielt sowohl ein Gebet als auch eine Botschaft. Die Menschen hörten zu, aber die Magd musste die Sängerin zum Schafstall begleiten, damit sie sich dort für die Nacht ausruhen konnte. Das Mädchen gab sein Bestes, fand Stroh und sogar eine Pferdedecke im Stallgang. Das würde gegen die nächtliche Kälte helfen. Es war ein dunkler Abend.
Am nächsten Morgen fand die Magd den Sänger tot im Schafstall. Über dieses Ereignis wurde über Generationen hinweg gesprochen. War dies die Lebensweise der Sänger von Draumkvedet? Mehrere Aussagen deuten darauf hin. Draumkvedet wurde als Reichtum angesehen. Diejenigen, die viele Verse kannten, bewahrten sie sorgfältig auf. Oft waren es die Armen, Behinderten und Einsamen, die diese unsichtbaren Werte wie Märchen, Legenden, Melodien und Volkslieder schützten. Draumkvedet stach hervor. Viele wussten ein wenig, aber niemand wusste alles. Das Gedicht hat eine geheimnisvolle Kraft. Die Verse handeln vom Alltäglichen und Weltlichen, verbinden dies jedoch mit Visionen aus anderen Welten unter dem Rasen und über den Wolken. Das Gedicht wurde wahrscheinlich zu festgelegten Zeiten und in bestimmten Kontexten verwendet, aber es gibt nur wenige Überlieferungen, die erklären, wie es verwendet wurde. Möglicherweise wurde es zur Weihnachtszeit vorgetragen. Dann sollten die Hüttenbewohner, die Armen und die Einsamen „in die Wärme gebracht werden“. Dann war es angebracht, das „unsichtbare Silberbesteck“, Draumkvedet, hervorzuholen. Heiligabend und der dreizehnte Tag sind die Zeitmarken im Gedicht. Ich erinnere mich an Menschen, die „am alten Weihnachtstag den Dreizehntagbrei“ kochten, wie sie sagten. Zwischen diesen beiden Tagen könnte Draumkvedet stattgefunden haben. Wahrscheinlich wurde es auch im Zusammenhang mit bedeutenden Lebensereignissen wie Hochzeiten und Beerdigungen verwendet. Aussagen deuten darauf hin, dass das Gedicht vorgetragen wurde, nachdem die Trauergäste vom Friedhof nach Hause gekommen waren, und oft wurden die Sänger aus Kleinbauernfamilien und unter den Einsamen ausgewählt. Solche Bräuche hielten sich am längsten in den abgelegenen Gebieten.
Die Visionen in Draumkvedet enthalten viele Bilder aus der Bibel, aber wenig deutet darauf hin, dass es in Kirchen verwendet wurde. Das Gedicht drückt das populäre christliche Denken aus. Der Klerus mochte es nicht. Dies trug dazu bei, dass sich die Armen und Ungebildeten häufiger mit den Texten von Draumkvedet beschäftigten als die Reichen und Gebildeten. Sowohl der Text als auch der Refrain enthielten Weisheit und Visionen. Der Traum folgte den Melodien. Der Sänger musste weder Land oder Wald besitzen, noch einer adeligen Familie angehören oder eine hohe Bildung haben. Pächter und Einsame lebten oft in Dachkammern oder kleinen Zimmern auf den Höfen. Sie wurden „Indster” genannt. Ich erinnere mich an solche Menschen und habe Geschichten über andere gehört. Sie lebten in den innersten Winkeln des Hauses. Diese alten und „seltsamen” Menschen blinzelten bei Erinnerungen, fürchteten die Nacht und den nächsten Tag. Die Dämmerungsstunden und Winternächte waren lang. Dann hatten sie Zeit, Texte zu rezitieren und Verse zu zählen. Die Melodien wurden gesummt, während die Unsichtbaren in den Ecken lauschten. Viele hatten ihren eigenen Lebensrhythmus und ihren eigenen Tagesablauf. Das Abendlied war ein Teil davon. Ich bin viele Abende zu Hymnen aus der Kammer eingeschlafen. Das Lied fand seinen Weg durch das Fenster und das Glas, eine alte Tür und eine splitterige Holzwand. Im Halbschlaf spürte ich, wo die Töne für Ruhe und Geborgenheit sorgten. Der Alte unter uns kannte Teile des Draumkvedet. Die alten Leute, die Zimmer auf den Höfen hatten, versuchten, sich nützlich zu machen. Das gehörte zur Abmachung. Sie spalteten und trugen Brennholz. Sie harkten und fegten im Hof und im Stallgang, machten Stöcke für Kalk oder drehten Heu zu festen Kränzen. Andere waren so gebrechlich, dass sie nichts weiter tun konnten, als das Feuer unter den Töpfen auf dem Herd am Brennen zu halten. Die Sänger hatten Heilmittel für viele Dinge; das Gedächtnis musste gereinigt und die Stimme geläutert werden. Dann kochten sie Teer, Birkenrinde und verschiedene Kräuter. Der Duft kroch aus dem Raum wie Weihrauch aus einer Krypta. Diese Menschen und ihre Zimmer hatten etwas Geheimnisvolles an sich. Sie gehörten zu einer anderen Zeit, in der sie sangen und von seltsamen Ereignissen erzählten. Viele von ihnen verstanden sich gut mit Kindern und gingen solchen Teilzeitbeschäftigungen nach. Die Kinder begleiteten sie beim Beeren- und Kräutersammeln. Dann gab es sowohl Lieder als auch Märchen. Sie erzählten von Pflanzen und Tieren, von Namen von Bergen, Hügeln und Felsen. Dann konnten Namen aus Draumkvedet erwähnt werden. Also gingen sie zwischen niedrigen Häusern hin und her oder saßen und starrten in kalte Kammern. Sie erinnerten sich an Tage mit schlechtem Wetter, zu denen die Urteilsverse aus Draumkvedet passten. Begegnungen mit Vieh auf der Weide, bellenden Hunden, zischenden Schlangen und stossenden Bullen. Die Verse enthielten Bilder aus dem täglichen Leben und der nahen Natur. Man konnte sich leicht die sündigen Seelen vorstellen, die wie Espenblätter im Wind zitterten, als sie vor dem Heiligen Michael erschienen, dass Sünde mit einer Last aus glühender Erde und einem Mantel aus Blei bestraft wurde. Das Sichtbare war mit dem Unsichtbaren verbunden und stand dort als Rätsel und Geheimnis. Im Hintergrund des Bewusstseins, hinter Text und Ton, grollte die Moral, aber es gab auch einen Hoffnungsschimmer auf Gnade.
Behinderte hatten in der Vergangenheit harte Bedingungen. Einige gingen betteln und entwickelten die Kunst des Geschichtenerzählens, des Gesangs und der Musik. Sie brachten auch Nachrichten zwischen den Dörfern mit. Ich kenne den Sohn eines Kleinbauern, der blind wurde. Er konnte selbst nicht viel arbeiten, aber er war gut im Singen und Geschichtenerzählen. Er sang alte und neue Lieder, war humorvoll und konnte sich gut ausdrücken. Er wurde gut aufgenommen, wenn er mit seinem Stock zwischen den Höfen umherwanderte. Ich weiß nicht, ob er „Draumkvedet“ (Das Traumgedicht) sang, aber vielleicht begegnen wir hier einem traditionellen Muster aus West-Telemark.
Sigurd Telnes
Übersetzt von: Petter Udland Johansen
Informationen zur Aufnahme
Recorded may 14–17, 2023
Location: Christkatholische Kirche St. Martin, Magden (Switzerland)
Balance engineer & recording producer: Jonas Niederstadt
Cover photography: Martin Grossmann
Booklet photography: Valentin Tournet (p.3), Antoine Le Moal (p.6), Miki Satoh (p.10,14,19,23,37)
Produced by Jonas Niederstadt
© 2023 Carpe Diem Records
Presse / Rezensionen
revue musicale suisse
"Der Gesang der Sibylle ist eine mittelalterliche liturgische Tradition, die tief in den christlichen Kulturen des Mittelmeerraums verwurzelt ist, insbesondere in Katalonien, auf den Balearen und auf Sardinien. In den ersten Jahrhunderten des Christentums wurden einige sibyllinische Prophezeiungen in die christliche Tradition aufgenommen und oft als Vorhersagen des Kommens Christi und des Jüngsten Gerichts interpretiert. Die prophetischen Texte wurden angepasst und christianisiert, wodurch eine liturgische Tradition im gregorianischen Stil entstand, die sich durch einen monodischen, oft feierlichen und bewegenden Gesang in der Volkssprache oder in Latein auszeichnet. Im 20. Jahrhundert gab es ein erneutes Interesse an dieser Tradition, mit Bemühungen, den Gesang der Sibylle in anderen Regionen wiederherzustellen und zu fördern. Im Jahr 2010 nahm die UNESCO den Gesang der Sibylle von Mallorca in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Gesang der Sibylle ein faszinierendes Beispiel dafür ist, wie Elemente der Prophezeiung, der Apokalypse und der Liturgie miteinander verwoben werden können, um eine reiche und dauerhafte kulturelle Tradition zu schaffen, die die eschatologischen Anliegen und spirituellen Hoffnungen der Menschheit im Laufe der Jahrhunderte widerspiegelt.
Eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Aufnahme ermöglicht es uns, diese Tradition dank des Ensembles Hirundo Maris und seiner Leiterin Arianna Savall, einer auf historische Harfen spezialisierten Sängerin und Harfenistin, unter Mitwirkung von Petter Udland Johansen und dem Ensemble Vocal de Saint-Maurice unter der Leitung von Charles Barbier in vollen Zügen zu erleben. Die unglaubliche Vielfalt an Klängen und Instrumenten, die wir dank dieses Repertoires wiederentdecken können, nimmt uns mit auf eine musikalische Reise zwischen Mittelalter und Renaissance, von Katalonien bis Norwegen.
Die Sopranistin Arianna Savall begeistert mit ihrer wunderschönen kristallklaren Stimme, während der Tenor Petter Udland Johansen den Zuhörer an die Hand nimmt und ihn in nordische Landschaften entführt, die er auf wunderbare Weise beschreibt. Das Ensemble Vocal de Saint-Maurice besticht durch die Reinheit seiner Intonation und die perfekte stimmliche Harmonie. Einfach ein Genuss!"
Thierry Dagon, revue musicale suisse
Forte e delicato. Equilibri di esecuzioni di alto livello.