Yugen
Yugen
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Erschienen am:
Katalognummer: CD-16311
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tracklist
Tracklist von "Yugen"
1. Nen-ne koroichi lullaby from the Nara district (2012) 3:44
ねんね ころいち - 奈良地方の子守唄
02. Zuizui zukkorobashi nursery rhyme from the Tokyo district (2013) 1:19
ずいずいずっころばし - 東京地方のわらべうた
03. Nen-nyako korochako lullaby (instrumental) (2012) 3:43
ねんにゃこ コロチャコ - 秋田地方の子守唄 / 器楽曲
04. Sendo no yanma lullaby from the Yamagata district (2007) 2:40
せんどのやんま - 山形地方の子守唄
05. If music and sweet poetry agree W. Shakespeare: ‘The Passionate Pilgrim’ (2004) 4:25
もし音楽と甘美なる詩が一つのものであるならば… - シェイクスピア~情熱の巡礼者
06. Utsuroi bushi / Floating mind (instrumental) (2015) 3:23
うつろい節 / 器楽曲
07. Take all my loves W. Shakespeare: Sonnet No. 40 (2012) 2:58
わたしの愛も愛人もことごとく - シェイクスピア~ソネット40番
08. Aka to bai New Year’s song from Nagasaki (2013)1:55
赤とバイ - 長崎の正月唄
09. Variations in Rondo upon an old dance (lute solo) (2012)3:29
古代舞曲によるロンド風変奏曲 / リュート・ソロ
10. Fuki no kyoku Japanese traditional tune (1982) 3:59
蕗の曲 - 古謡
11. Antagata dokosa Children’s song from the Kumamoto district (2012) 1:18
あんたがたどこさ - 熊本地方のわらべうた
12. Shall I compare thee to a summer’s day? W. Shakespeare: Sonnet No. 18 (2012) 2:25
君を夏の一日に譬えようか - シェイクスピア~ソネット18番
13. Kokiriko bushi kagura dance from the Toyama district (2011) 2:56
コキリコ節 - 富山地方の神楽踊
14. Yôkai old tune from Tanegashima (2009) 3:10
ようかい - 種子島古調
15. Kochae bushi Edo-minyo (2008) 2:23
コチャエ節 - 江戸民謡
16. Tadayoi / Drifting (lute solo) (2015) 4:50
漂(ただよい) リュート・ソロ
Total time 48:47
Booklet-Text
Werke von Toyohiko Satoh: Yugen
Geschichtlich war es für Lautenisten normal und üblich, ihre eigenen Kompositionen zu spielen. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert erschufen sie einen umfangreichen Korpus an Werken für Sololaute, sowie an kammermusikalischen Werken, die Lautenstimmen enthielten. Daher mag man sich fragen, ob es überhaupt notwendig oder sinnvoll sein kann, heute noch neue Musik für die Laute zu schreiben. Und doch: Von Zeit zu Zeit taucht vielleicht die Frage auf, wie es denn wäre, für die Laute ein ganz und gar neues Stück zu komponieren. In dieser neuen Musik wäre es möglich, ganz eigene Ideen auszudrücken und sich selbst einen Raum zu erschaffen, in dem Träume zu einer konkreten Wirklichkeit werden.
Yugen (幽玄) ist ein den japanischen Künsten zugrundeliegendes Konzept, das in dem Begriff „das singende Herz“ (歌う心) zum Ausdruck kommt. Es beschreibt eine tiefgehende, doch zugleich kaum fassbare Atmosphäre, einen grazil-eleganten Stil, die Schönheit profund-subtiler Andeutung. In einem frühen Beispiel können diese Aspekte im Vorwort des „Kokin Wakashu“ („Eine Sammlung japanischer Gedichte aus alter und neuer Zeit“) gefunden werden, welches zu Beginn des 10. Jahrhunderts von Ki no Tsurayaki herausgegeben wurde. Im 12. und 13. Jahrhundert schrieb der berühmte Dichter Fujiwara no Teika (1162–1241), bekannt als Verfasser des „Hyakunin Isshu“, über Yugen. Die Kunst Zeamis (1363–1443), des berühmtesten Nō-Theaterdarstellers und -Dramatikers des 14. und 15. Jahrhunderts, wird allgemein als Höhepunkt der Yugen-Ästhetik angesehen. Schon in seinen frühen Werken benutzte Zeami den Begriff Yugen, um eine besonders zarte und filigrane ästhetische Qualität zu beschreiben. Er erklärte, dass Waka (eine japanische Gedichtform) Ausdruck der Stimme des Kosmos sei, die sich auch in den Klängen von Vögeln und Insekten, ja sogar in Tieren und Pflanzen manifestiert. Aus diesem Verständnis heraus schuf er eine große Anzahl an Nō-Theaterstücken und kunsttheoretischen Aufsätzen, beständig auf der Suche nach dem tiefen Geist von Ästhetik und Schönheit.
Im 17. Jahrhundert, während die Lautenspieler und -komponisten Europas sich mit ganz ähnlichen Konzepten beschäftigten, beobachtete der japanische Großmeister der Haiku-Dichtung, Bashō (1644–1694), wie ein Frosch in einen kleinen Tümpel sprang, und erkannte in diesem Augenblick das Wesen von Yugen.
Was mag ein Goldfisch, der in einem Goldfischglas schwimmt, viel kleiner noch als ein Tümpel, denken? Mein Eindruck ist, dass, je nachdem, wie man dieses Bild betrachtet, auch hier ein kleines Abbild von Yugen sich offenbart.
Seit langer Zeit beschäftige ich mich mit den alten Kulturen in Ost und West. Mit dem Älterwerden geht ein tiefergehendes, wenn auch bloß vages Verständnis der Wurzeln dieser Kulturen einher. Ich werde den Gedanken nicht los, dass es irgendwo eine Art geistige Verbindung geben muss zwischen den Menschen von damals und mir selbst, heute. Im Europa des 17. Jahrhunderts hatte die Laute einen Stellenwert, der dem des Klaviers heutzutage vergleichbar ist. Dann erfuhr sie ein seltsames Schicksal: Während der musikalische Mainstream sich zum Barock des 17. Jahrhunderts entwickelte, größer, schneller und glamouröser wurde, verschwand die sanft klingende Laute nach und nach aus der öffentlichen Wahrnehmung und zog sich in ihre eigene, abgeschiedene Welt zurück. Aber doch: Wer genau hinschaut, entdeckt in dieser kleinen Welt ein ganzes Universum.
Der japanische Teeweg (Chadō) beinhaltet nicht nur das Zubereiten von Tee: Es ist ein Gesamtkunstwerk, das ebenso Elemente aus dem Shodō (japanische Kalligrafie), den Sumi-e (Tuschezeichnung), Kadō (Blumenstecken) und Kōdō (Räucherwerk) vereint. Ebenso beinhaltet die Lautenmusik viele verschiedene Aspekte: Solospiel, Begleitung von Liedern und Geschichten, Lauten- und gemischte Ensembles. Auf diese Weise bietet sie klanglich und musikalisch eine große Vielfalt an.
Die Werke auf dieser Aufnahme sind für vier verschiedene Besetzungen geschrieben: Laute solo, Lautenlieder, Lautenlieder mit Blockflöte und instrumentale Duos für Laute und Blockflöte. In allen Kulturen aller Zeiten haben Eltern ihren Kindern Lieder gesungen. Daher ist das Lied für mich die grundlegendste, und menschlich bedeutsamste musikalische Form. Blockflöten sind, wie ihr englischer Name „recorder“ (von Lat. Recordare = erinnern) andeutet, Instrumente, die den Gesang von Vögeln imitieren und daran erinnern. So stehen sie für das Lied der Natur, ohne Beteiligung des Menschen. Die Laute dagegen ist ein Saiteninstrument. Ihre Töne verklingen bald, nachdem sie von den Fingern angeschlagen wurden. Trotzdem kann ein begabter Spieler den Klang, die Tonhöhe und Dynamik der angeschlagenen Note formen, während sie verklingt, und damit auf intuitive Weise seine Inspiration zum Ausdruck bringen. Allerdings hat die Laute viele Saiten im Vergleich zur Anzahl der Finger des Spielers. Sie ist ein Instrument mit deutlichen technischen Beschränkungen. Man kann vielleicht einen Vergleich ziehen zwischen den Beschränkungen der Laute und der strengen Gedichtform des Haiku, die eine Silbenanzahl je Zeile von 5 – 7 – 5 vorgibt. Die Freude am kreativen Umgang mit solchen Beschränkungen ist der Ausgangspunkt meiner Kompositionen.
Das musikalische Material der Kompositionen auf diesem Album sind japanische Volkslieder, Musik aus dem Nō-Theater, traditionelle Ammen- und Schlaflieder. Aus der westlichen Kultur habe ich einige Texte von Shakespeare entliehen. Ich hoffe, die Kombination meines mehr als halben Lebens in Europa (hauptsächlich in den Niederlanden), wo ich mich mit europäischer Alter Musik beschäftigte, mit meiner eingehenden Beschäftigung mit Zen-Chadō und Nō-Theater in Japan ermöglichen es mir, auf dieser Aufnahme meinen ganz eigenen Ausdruck von Yugen aufzuzeichnen.
Toyohiko Satoh, 2016
Informationen zur Aufnahme
Recorded October 2015
Location: Kirishima International Concert Hall “みやまコンセール” (Japan)
Balance engineer & recording producer: Jonas Niederstadt
Corporate Design: Tim+Tim, timandtim.com
Cover photography: Marion Denis
Booklet photography: Jonas Niederstadt
Translations: Miki Satoh / Jonas Niederstadt (English),
Jonas Niederstadt (German)
Produced by Jonas Niederstadt
© 2016 Carpe Diem Records
Presse / Rezensionen
Nostalgia Magazin
"Hören wir beim Hören dieser Träume von Satoh zerbrechliche und zarte Musik, gibt es eine unergründliche Atmosphäre und eine anmutige Eleganz des Stils in der Aufführung, hören wir eine Welt mit vielen Möglichkeiten und können wir etwas von der Freude am Schaffen innerhalb gegebener Grenzen wahrnehmen? Ich glaube ja. Die Instrumente werden zart gespielt, die Musik ist elegant, und besonders in den langsameren japanischen Werken spüren wir eine unergründliche Atmosphäre. Die große Vielfalt der Stücke zeigt Satohs Fähigkeit, mit einem begrenzten Ensemble verschiedene Welten zu schaffen. Ein weiterer Aspekt, den wir in dieser Aufnahme hören, ist die Freude. Die Freude dreier Freunde am gemeinsamen Musizieren und die fröhlichen Klänge von Volksliedern und Kinderreimen. Wenn ich diese CD höre, habe ich das Gefühl, dass Satoh mich einlädt, ihn und seine Freunde in seine Traumwelt zu begleiten. Es ist ein angenehmer Ort zum Verweilen." Nostalgia Magazine 47, Jan. 2017