Zu Produktinformationen springen
1 von 5

Esaias Reusner: Lute Music

Esaias Reusner: Lute Music

Toyohiko Satoh
Normaler Preis €19,90
Normaler Preis Verkaufspreis €19,90
Stückpreis €19,90  pro  item
Sale Ausverkauft
Inkl. Steuern. Versand wird beim Checkout berechnet
Format

Toyohiko Satoh, Laute: Die Lautenmusik des Esaias Reusner (1639-1679): Zen- und Barockmusik

Auf diesem neuen Soloalbum des weltberühmten japanischen Lautenmeisters Toyohiko Satoh (佐藤豊彦) erklingt Musik des deutschen Barockkomponisten und Lautenisten Esaias Reusner (1639-1679), der zwei Bände mit Kompositionen für Laute solo veröffentlichte. Die Stücke dieser CD sind den "Neuen Lautenfrüchten" entnommen.

Reusners Stil ist ebenso interessant wie speziell und ungewöhnlich, verglichen mit den Werken seiner Zeitgenossen. Seine Stücke sind meist kurz, nüchtern und pragmatisch und zeigen eine sehr klare und schlichte Haltung.

Toyohiko Satoh verbindet diesen Ansatz mit der östlichen Idee der Meditation und Wertschätzung der Unvollkommenheit (Wabi-Sabi). Er liefert eine herausragende Interpretation, die weit davon entfernt ist, virtuos oder beeindruckend zu sein, sondern er bleibt sich selbst treu und lässt die Musik sich von selbst entfalten. Reusners Musik wird zu einer stillen musikalischen Meditation, die Zeit und Raum transzendiert.

Musikvideo

Toyohiko Satoh spielt ein Stück von Esaias Reusner auf der originalen Laute von 1611:

Erschienen am:

Katalognummer: CD-16310

Vollständige Details anzeigen

Mehr Infos zum Album

tracklist

Tracklist von "Esaias Reusner: Lute Music"

Suite B-Dur

11. Praeludium 02:12
12. Sonatina 02:25
13. Allemanda 03:48
14. Courant 02:05
15. Sarabanda 02:01
16. Aria 01:48
17. Gigue 01:31
18. Ciacona 04:22

Suite A-moll

19. Allemanda 04:04
10. Courante 02:20
11. Sarabanda 02:00
12. Aria 01:38
13. Gigue 02:26
14. Allemanda 02:59

Suite G-moll

15. Courante 01:41
16. Sarabanda 01:51
17. Aria 01:17
18. Gigue 01:09
19. Aria II 01:16

Suite D-Dur

20. Sonatina 03:43
21. Allemande 03:04
22. Courant 01:39
23. Sarabanda 01:59
24. Gavotte 01:28
25. Gigue 02:06
26. Passagalia 05:13

Total time 62:21

Booklet-Text

Die Lautenmusik von Esaias Reusner

Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform, und eine der kürzesten poetischen Formen der Welt. Ebenso besteht die Lautenmusik von Esaias Reusner größtenteils aus sehr kurzen Kompositionen. Ein Haiku wird aus nur 17 Silben zusammengesetzt, und ist doch in der Lage, zutiefst essentielle Gedanken und Gefühle auszudrücken und den Geist des Lesers zu inspirieren. In diesem Sinne ist Haiku dem Konzept des Mu (無, Nichtsein) im Zen verwandt, bzw. Mugen (無限, Unendlichkeit). Esaias Reusner (1639–1679) war ein Zeitgenosse eines der bedeutendsten Haiku – Dichter, Matsuo Bashō (1644–1694). Die vier Suiten auf dieser CD sind Reusners Lautenbuch Neue Lauten-Früchte* entnommen, das er 1676 in Berlin veröffentlichte. Zu diesem Zeitpunkt war er 37 Jahre alt, und Bashō fünf Jahre jünger.

Ich werde nicht im Einzelnen auf alle Stücke eingehen, die auf dieser CD eingespielt wurden, sondern nur beispielhaft die Sarabanden erwähnen. Die vier Sarabanden bestehen aus jeweils 16 Takten (8 + 8), oder 32, wenn man die Wiederholungen berücksichtigt. Das ist die kürzest mögliche Form einen Tanzsatzes aus dieser Zeit. Eine allgemeine Eigenheit von Sarabanden war, dass sie aus nur zwei Stimmen komponiert wurden, nämlich aus Melodie und Bass. Etwa in der Mitte des 17. Jahrhunderts begann in Europa ein allmählicher Wandel von kontrapunktischer zu akkordischer Kompositionsweise, und die meisten Komponisten dieser Zeit verwendeten auch für Sarabanden mehr und mehr akkordische Strukturen. Eine spezielle Gattung bestand jedoch weiterhin in reiner Zweistimmigkeit fort: Das Bicinium, welches vorwiegend als kontrapunktische Kompositionsübung Verwendung fand.

Die letzten bekannten Besipiele dieser Gattung sind die Zweistimmigen Inventionen von J. S. Bach. Bach’s „Piéces pour la Luth à Monsieur Schouster“ (Suite g-moll, BWV 995), das weitgehend identisch ist mit der Cellosuite Nr. 5 (c-moll, BWV 1011), beinhaltet eine Sarabande, die strukturell denen von Reusner sehr ähnlich ist. Bach’s Sarabande besteht aus 20 Takten (8 + 12) und ist damit ein wenig länger. Sie ist als ein höchst abstraktes, monophones Stück komponiert, in dem der Komponist bloß einzelne Noten verwendet, um die zugrundeliegenden Harmonien vage zu umreißen.

Bach war ein extrem begabter Komponist, in seinen schöpferischen Mitteln praktisch unbeschränkt. Reusner dagegen war „nur“ ein Lautenist. Indem er mit einem Minimum an Noten bzw. Klängen nach einem Maximum von Ausdruck suchte, folgte sein schöpferisches Werk eher dem von Bashō in der Dichtung. Diese Stücke sind nicht für großes Bühnenlicht und darstellerisches Virtuosentum geschrieben. Nicht nur die Sarabanden, sondern fast alle Stücke Reusners sind kurz und pragmatisch gehalten. Diese Herangehensweise stand im Kontrast zum musikalischen Mainstream im Europa seiner Zeit, wo das Schaffen von Musik mehr und mehr kommerziellen Zielen unterworfen wurde. Sie zeigt vielmehr eine gewisse Nähe zum Wabi-Sabi (Ästhetik der Vergänglichkeit und Imperfektion) eines Bashō, der sich für ein stilles und zurückgezogenes Eremitenleben entschied.

Die Musik des Westens wurde immer größer, raffinierter und ausgefeilter, beginnend bei Monteverdi zu Beginn des 17. Jahrhunderts bis hin zu Händel und Vivaldi zu Beginn des 18. Jahrhunderts. In der gleichen Zeit erfuhr die Musik für die 11-chörige Barocklaute, wie Reusner sie verwendete, eine Entwicklung hin zu immer mehr zurückgezogener Exklusivität, geistig verwandt dem Konzept des japanischen Teehauses. Tatsächlich gab es in Japan eine ähnliche Entwicklung im Bereich des Theaters: Im Lauf des 17. Jahrhunderts stieg das Kabuki-Theater, das sich vorwiegend an den bürgerlichen Mittelstand wendete, immer mehr in Bedeutung und Wertschätzung auf, und verdrängte allmählich das Nō-Theater der Adeligen und Samurai. Das Kabuki-Theater wuchs und errang eine gesellschaftliche Stellung vergleichbar der barocken Oper in Europa. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass, auch wenn Japan und Europa weit entfernt voneinander erscheinen, sich die ästhetischen Empfindungen der Menschen rund um den Erdball doch nicht so sehr unterscheiden, auch wenn ihre Sprachen und Ausdrucksweisen anders sind.

Haiku ist heutzutage immer noch eine beliebte Gedichtform in Japan und weltweit. Es ist eine zeitlose Kunst. Das Gleiche kann über Bachs Musik gesagt werden, die auch bis heute vielerorts wertgeschätzt wird. Auch Reusners Musik weist gewisse zeitlose Elemente auf, die gleichermaßen an barocke und zeitgenössische Musik erinnern und eine fixe Vorstellung von Alt oder Neu transzendieren.

Vor der Veröffentlichung von Neue Lauten-Früchte veröffentlichte Reusner noch ein anderes Lautenbuch: Delitiae Testudinis (Leipzig, 1667). Obschon manche der Sarabanden auch in diesem früheren Werk aus 8 + 8 Takten bestehen, sind doch die meisten Stücke länger und komplexer ausgearbeitet als die Musik des späteren Neue Lauten-Früchte (1676). Sein früheres Werk, das Reusner im Alter von 28 Jahren veröffentlichte, finde ich oft schwer zu verstehen. Das mag daran liegen, dass er damals noch in einem Alter war, in dem er sich öffentlich beweisen wollte oder musste. Zu diesem Zweck wollte er vielleicht seine virtuosen Fähigkeiten im Lautenspiel sowie sein Talent, komplizierte Kompositionen zu entwerfen, darstellen. Mein Gefühl geht dahin, dass er auf der Suche nach Etwas war, aber ich kann nicht genau fassen, was er eigentlich künstlerisch ausdrücken wollte. Insofern muss seine Entwicklung hin zu einem höchst konzisen Stil im Geiste der Haiku – Ästhetik innerhalb von bloß neun Jahren als äußerst erstaunlich bezeichnet werden.

Auch wenn Reusner heute nur noch wenigen Menschen bekannt ist, ringt das, was er in seinem kurzen Leben von nur 40 Jahren künstlerisch erreicht hat, mir höchste Bewunderung ab, einem Lautenisten, der schon über 30 Jahre länger gelebt hat als er. So habe ich, Zeit, Epochen und Stile hinter mir lassend, mich wieder mit meiner alten Greiff-Laute auf die Reise begeben, um das, was ich in der Musik von Esaias Reusner erkenne, ganz frei und ehrlich zu erzählen.

Toyohiko Satoh 2015


*Die zweite Suite in g-moll entstammt dem handschriftlichen Zusatz zu Neue Lauten-Früchte, das in Berlin aufbewahrt wird (Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz Mus. Ms. 18380).

Postscriptum: Alle Tänze dieser CD stammen ursprünglich aus Frankreich und wurden schon vor Reusner von Gaultier, Dufaut, Gallot und anderen verwendet. Allerdings war meines Wissens Reusner der erste, der eine Suite in der Satzfolge Allemande – Courante – Sarabande – Gigue in der gleichen Tonart komponierte. Anders gesagt, war er der erste Lautenist, der die Suitenform etablierte, die sich auch außerhalb der Lautenwelt im späteren Barock als Standard etablierte. In diesem Sinne wird Delitiae Testudinis (1667) als wichtige Veröffentlichung angesehen. Nebenbei bemerkt, wurden die (inkonsistenten) Schreibweisen der Tänze in diesem Programm wortgetreu aus Neue Lauten-Früchte übernommen.

Informationen zur Aufnahme

Recorded April 2015

Location: Kirishima International Concert Hall “みやまコンセール” (Japan)
Balance engineer & recording producer: Jonas Niederstadt
Corporate Design: Tim+Tim, timandtim.com
Cover painting: Carsten Dietz
Booklet photography: Jonas Niederstadt
Translations: Junko Nagiyama / Andrew Barnett (English),
Jonas Niederstadt (German)

Produced by Jonas Niederstadt

© 2016 Carpe Diem Records

Presse / Rezensionen

Diapason-Magazin

„Esaias Reusner, ein einflussreicher Komponist seiner Zeit, war der erste Lautenspieler, der die Form der Tanzsuite im französischen Stil übernahm und damit den Weg für Weiss ebnete.

Toyohiko Satoh, ein renommierter japanischer Lautenspieler, präsentiert eine Auswahl von Suiten aus seiner „neuen Sammlung“ Neue Lauten-Früchte. Der Interpret weckt unsere Neugier, indem er in den Liner Notes eine Analogie zwischen den relativ kurzen Stücken, die zu prägnanten Ausdrucksformen neigen, und der poetischen Form des Haiku herstellt. Reusner war ein Zeitgenosse des großen Haiku-Dichters Basho.

Diese Suiten sind sowohl wegen ihres Inhalts als auch wegen ihrer Vorwegnahme interessant und geben uns einen Eindruck davon, wie weit wir gekommen sind, um Bach, den Meister dieses Genres, zu erreichen. Satoh belebt diese Musik mit seinem samtigen Klang und seinen präzisen Anschlägen mit einem sehr klaren rhythmischen Relief, das sich unter seiner strengen Oberfläche als sehr fesselnd erweist. Dies verdankt er seinem Verständnis und seiner Akzeptanz der diesen Stücken innewohnenden Strenge: Für ihn ist sie keine Einschränkung, sondern ein Weg, den er gehen muss, um sich zu befreien und die Ausdrucksmöglichkeiten um ein Vielfaches zu vergrößern.

Mit der Aufrichtigkeit und Demut eines Interpreten, der sich vor dem Komponisten zurücknimmt, um ihn so gut wie möglich zu interpretieren. Die gewählten Tempi entsprechen sowohl den Konventionen des Tanzes als auch dem tiefen Atem Satohs, einem Meister der schlichten, prägnanten und klaren Schönheit. Emile Huvé, Diapason

Lute News

„Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass Satoh und Reusner ein erfolgreiches Team sind. Die beruhigende und zurückhaltende Stimme dessen, was Satoh humorvoll als „meine alte Greiff-Laute” bezeichnet, erweist sich als subtil überzeugendes Vehikel für das, was sich als sanft überzeugendes musikalisches Angebot herausstellt. [...]

Mit seiner Unterscheidung zwischen Bach als „äußerst begabtem Komponisten“ und Reusner als „bloßem Lautenspieler“ sagt Satoh vielleicht nur das Offensichtliche, aber seine Großzügigkeit gegenüber der bescheideneren Figur Reusners ist es, die diese Musik zum Leben erweckt. Trotz einer reichhaltigen, aber niemals übertriebenen Dosis an Verzierungen wird die Transparenz von Reusners Sprache durchgehend respektiert und beibehalten. Die vielleicht herausragendste Eigenschaft von Satohs Interpretationen ist ihr allgegenwärtiges Raumgefühl. Jede Note darf atmen, sodass der Zuhörer nicht nur bewusst wahrnimmt, wo sie beginnt, sondern auch, wo sie endet.

P. Fowles, Lute news 120, Dez. 2016