Diminutions
Diminutions
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Katalognummer: CD-16338
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tracklist
Tracklist von "Diminutions"
I Ancidetemi pur
01. GAME 10-4-1 Diminuendo Bernhard Lang (* 1957)
02. Ancidetemi pur d’Archadelt passagiato Girolamo Frescobaldi (1583–1643)
(“Il secondo libro di toccate”, Rome, 1627)
II Susanne un jour
03. Susanna’s lament Kate Moore (* 1979)
04. Susana Manuel Rodrigues Coelho (c. 1555–1635)
(“Flores de Musica”, Lisbon, 1620)
III Est-ce Mars
05. Neural Variations Malte Giesen (* 1988)
06. Est-ce Mars Jan Pieterszoon Sweelinck (1562–1621)
(SwWV 321)
IV Un gay bergier
07. Bucolic Chikage Imai (* 1979)
08. Gaybergier de Toma Crequilion Francisco Correa de Arauxo (1584–1654)
(“Facultad orgánica”, Alcalá, 1626)
V Amarilli, mia bella
09. A distant relation Ian Wilson (* 1964)
10. Amarilli di Julio Romano Peter Philips (1560–1628)
(“Fitzwilliam Virginal Book”, 1603)
VI Io mi son giovinetta
11. Il Matto Natalia Domínguez Rangel (* 1981)
12. Io mi son giovinetto Giovanni Maria Trabaci (1575–1647)
(“Ricercate [...]”, Naples 1603)
Booklet-Text
Die italienische chromatische Harfe
Vermutlich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde in Italien eine Form der Harfe entwickelt, die es den Spielern und Spielerinnen ermöglichen sollte, den wachsenden musikalischen Anforderungen der Zeit gerecht zu werden. Durch das Hinzufügen einer oder zweier paralleler Saitenreihen entstand die “Arpa Doppia” - eine Doppelharfe -, die in historischen Quellen unter diesem Namen auftaucht. Dieses Instrument fand in Claudio Monteverdis Oper “L’Orfeo” (1607) prominente Verwendung, als Orpheus den Fährmann Charon in der Unterwelt anfleht, ihn zum Herrscher des Totenreichs zu bringen, um seine geliebte Eurydike zu retten. Doch abgesehen von diesem berühmten Ritornell sind aus dem 17. Jahrhundert nur wenige Kompositionen speziell für diesen Typus der Harfe überliefert. Die “Arpa Doppia” wird zwar in einigen Vokalsammlungen jener Zeit als Begleitinstrument aufgelistet, jedoch existieren, abgesehen von einigen originalen Solowerken der neapolitanischen Komponisten Ascanio Mayone (1570-1627), Giovanni Maria Trabaci (1575-1647) und Gregorio Strozzi (1615-1687), insgesamt weniger als zehn Stücke speziell für dieses Instrument.
Warum so wenig solistische Literatur überliefert ist, bleibt unklar, doch scheint es, dass nicht genügend öffentliches Interesse bestand, um mehr gedruckte Noten für die Harfe zu veröffentlichen. Dieser Mangel stellt heutige Musikerinnen und Musiker vor die Aufgabe, ihr eigenes Repertoire entwickeln zu müssen. Häufig werden dafür Kompositionen für Laute, Orgel oder Cembalo auf die Harfe übertragen. Ebenso werden Werke für Sopraninstrumente wie Violine oder Zink mit Basso Continuo sowie Vokalmusik adaptiert.
In Diminutions wird dieser Mangel an Originalliteratur zur kreativen Herausforderung: Ziel war es, ein neues Repertoire für die italienische chromatische Harfe zu schaffen und die besonderen klanglichen und spieltechnischen Eigenschaften des Instruments zu nutzen, um eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen. Da vier der wenigen überlieferten Originalwerke für die Harfe aus dem 17. Jahrhundert Diminutionen oder Variationsreihen sind, war es naheliegend, dieses musikalische Genre als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines neuen Repertoires zu wählen.
Diminutionen
Der Begriff Diminution bezeichnet in der Musik der Renaissance und des Barock eine Improvisationstechnik, bei der längere Notenwerte durch kürzere, ornamentale Noten ersetzt werden, um die Melodie zu verzieren und virtuos zu gestalten. Anders als bei Trillern oder Vorhalten, die einzelne Noten schmücken, geht es bei der Diminution darum, fließende Übergänge zwischen den Tönen zu schaffen und die melodische Linie mit komplexeren, schnelleren Figuren anzureichern.
Im 16. und 17. Jahrhundert war die Praxis der Diminution so weit verbreitet, dass zahlreiche Lehrwerke gedruckt wurden. Diese enthielten standardisierte Tonfolgen für verschiedene Intervalle und Notenwerte, die es den Musikern ermöglichten, bereits existierende Werke mit improvisierten Verzierungen spontan zu bereichern. Besonders bei Wiederholungen von Phrasen oder Strophen wurde diese Technik angewandt, um einem Stück mehr Ausdruckskraft und Variation zu verleihen. Bedeutende Musiker wie Giovanni Bassano (c. 1560-1617) und Diego Ortiz (1510-1570) veröffentlichten im 16. Jahrhundert Sammlungen ihrer Diminutionen, die heute noch als wichtige Zeugnisse dieser kunstvollen Verzierungspraxis dienen und verdeutlichen, welche technische Brillanz von den Interpreten erwartet wurde.
Wie sich die Virtuosen des frühen 17. Jahrhunderts früherer Werke bedienten, um ihr künstlerisches und spieltechnisches Können zur Schau zu stellen, greifen in Diminutions zeitgenössische Komponisten auf dieselben Prinzipien zurück. Sie präsentieren neue Variationen in unterschiedlichsten Stilen des frühen 21. Jahrhunderts und bringen so die Tradition der Diminution in die Gegenwart.
Ancidetemi pur
Der flämische Komponist Jacques Arcadelt (1507-1568) veröffentlichte sein Madrigal “Ancidetemi pur” 1539 in der Sammlung “Il primo libro di madrigali” in Venedig. Dieses vierstimmige Vokalwerk schildert eindrucksvoll den Schmerz eines Liebenden, der den Tod dem Leiden der unerfüllten Liebe vorzieht. Die klare melodische Struktur und die emotionale Tiefe des Stücks machten es zu einem der bekanntesten Madrigale seiner Zeit.
Der italienische Komponist und Instrumentalvirtuose Girolamo Frescobaldi (1583-1643) adaptierte dieses beliebte Werk für Tasteninstrumente und ergänzte es mit virtuosen Diminutionen und eleganten Verzierungen. Diese Bearbeitung diente als Inspiration für den österreichischen Komponisten Bernhard Lang (* 1957), der in seinem Werk die Tradition der Diminution aufgreift und neu interpretiert. In “GAME 10-4-1 Diminuendo” verwebt Lang experimentelle Klänge mit direkten Zitaten aus Frescobaldis Adaption. Das Stück bietet dem Interpreten - wie in einem Spiel - verschiedene Auswahlmöglichkeiten, sodass jede Aufführung einzigartig klingt.
Susanne un jour
“Susanne un jour” ist ein berühmtes Chanson des flämischen Komponisten Orlando di Lasso (1532-1594), das 1560 in “Tiers Livre des Chansons” veröffentlicht wurde. Der Text basiert auf der biblischen Geschichte der Susanna im Bade aus dem Buch Daniel, in der Susanna zu Unrecht des Ehebruchs beschuldigt wird. Lasso gelingt es meisterhaft, durch die geschickte Verbindung klarer Akkord-Passagen und einer sanften Melodieführung die emotionale Tiefe des Textes zu unterstreichen. Diese kunstvolle Umsetzung machte das Chanson zu einem der beliebtesten Werke seiner Zeit.
Der portugiesische Komponist Manuel Rodrigues Coelho (c. 1555-1635) nutzte Lassos Chanson als Grundlage für mehrere Bearbeitungen, die er 1620 in Lissabon in “Flores de Musica” für Tasteninstrumente oder Harfe veröffentlichte. Coelho komponierte vermutlich für die iberische Harfe mit gekreuzten Saitenreihen, die zu dieser Zeit in Spanien und Portugal weit verbreitet war. Die australisch-niederländische Komponistin Kate Moore (* 1979) greift in ihrer Komposition die psychologischen Elementen der biblischen Geschichte auf und erzeugt eine dramatische Spannung, die sich zwischen hypnotischen und ekstatischen Momenten bewegt.
Est-ce Mars
Der niederländische Komponist und Organist Jan Pieterszoon Sweelinck (1562-1621) gilt als einer der bedeutendsten Musiker der Spätrenaissance, insbesondere für seine außergewöhnliche Improvisationskunst, die in seinen zahlreichen Werken für Tasteninstrumente zur Geltung kommt. In “Est-ce Mars” bearbeitete Sweelinck ein populäres Chanson des französischen Komponisten Pierre Guédron (1564-c. 1620), das den Kriegsgott Mars thematisiert. Während dieser gemeinhin mit Zerstörung und Unruhe assoziiert wird, zeigt das Stück auch seine zärtlichen Seiten. Sweelincks Bearbeitung zeichnet sich durch virtuose Variationen aus, die das Martialische und das Sanfte kunstvoll miteinander verbinden.
Der deutsche Komponist Malte Giesen (* 1988) nahm eine Aufnahme von Sweelincks Werk als Grundlage für seine Komposition “Neural Variations” für “Arpa Doppia” und Elektronik. Hierbei speiste er eine Künstliche Intelligenz mit der Audiodatei und generierte eine Klangspur mit verfremdeten Elementen. Ergänzend notierte Giesen eine eigene Stimme für die Harfe, die durch einen auf der Rückseite des Instrumentes befestigten Lautsprecher sowohl elektronische als auch akustische Klänge erzeugt.
Un gay bergier
Der spanische Komponist, Organist und Musiktheoretiker Francisco Correa de Arauxo (1584-1654) widmete sich in seinem 1626 in Alcalá veröffentlichten Werk “Libro de tientos y discursos de música práctica y teórica de órgano” der Technik und Ästhetik des Orgelspiels. Diese Sammlung enthält zahlreiche Kompositionen, darunter auch eine Bearbeitung des beliebten Chansons “Un gay bergier” von Thomas Créquillon (c. 1505-1557). Créquillons Original, veröffentlicht im “Premier livre de chansons à quatre parties” (1543), schildert auf lebhafte Weise die komplizierte Beziehung eines Schäfers und einer Schäferin. Der Text, der heute als obszön gelten könnte, war für seine Zeit typisch und voller Anspielungen auf die Freuden des einfachen Lebens.
In “Bucolic” erkundet die japanische Komponistin Chikage Imai (* 1979) die klanglichen Möglichkeiten der italienischen chromatischen Harfe. Durch den Einsatz benachbarter chromatischer Saiten, verstärkt durch die mitteltönige Stimmung, erzeugt Imai komplexe, aber dennoch humorvolle Klänge, die den spielerischen Charakter des Originals neu interpretieren.
Amarilli, mia bella
Giulio Caccini (1551-1618) war einer der einflussreichsten Komponisten des frühen Barock und ein Vorreiter der Monodie, einem musikalischen Stil, der den Übergang von der Vielstimmigkeit der Renaissance zur neuen Musik des Barock prägte. Sein berühmtes Madrigal “Amarilli, mia bella”, veröffentlicht 1601 in der wegweisenden Sammlung “Le nuove musiche”, zählt zu den Meisterwerken dieser Epoche. Das innige Liebeslied besticht durch seine emotionale Intensität und wurde schnell zu einem der bekanntesten Werke Caccinis.
Der englische Komponist Peter Philips (1560-1628) adaptierte das Stück für Tasteninstrumente unter dem Titel “Amarilli di Julio Romano”. Diese Version, die 1603 im “Fitzwilliam Virginal Book” verzeichnet wurde, ist geprägt von virtuosen Verzierungen, die der ursprünglichen Melodie eine neue musikalische Tiefe und Lebendigkeit verleihen. In “A distant relation”, einer Komposition des irischen Komponisten Ian Wilson (* 1964), dient Philips’ Bearbeitung als Inspiration. Wilson greift harmonische Strukturen und direkte Zitate auf und nutzt die dynamischen Möglichkeiten der Harfe sowie den bewussten Einsatz von Stille, um eine eigene Klangwelt zu schaffen. Das Werk soll wie eine Skulptur sein, die aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird; unbeweglich, fast ohne das Gefühl, sich vorwärts zu bewegen.
Io mi son giovinetta
Das Madrigal “Io mi son giovinetta” des italienischen Komponisten Domenico Ferrabosco (1513-1574) wurde 1583 in der Sammlung “Musica divina di 19 autori illustri” in Antwerpen veröffentlicht. Der Text beschreibt die jugendliche Verliebtheit und Unbeschwertheit, welche Ferrabosco durch eine lebhafte und melodiöse vokale Gestaltung einfängt. Der neapolitanische Komponist und Organist Giovanni Maria Trabaci (1575-1647) bearbeitete dieses Werk und fügte virtuose Diminutionen und Verzierungen hinzu. 1603 veröffentlichte er seine Version, “Io mi son giovinetto”, in der Sammlung “Ricercate, canzone francese, capricci [...]”. Diese Fassung betont die technischen Fähigkeiten des Interpreten und vereint dabei brillante Virtuosität mit emotionaler Tiefe.
Die kolumbianische Komponistin Natalia Domínguez Rangel (* 1981) greift in ihrem Werk “Il Matto” - der Verrückte - die Themen Jugend und Unbeschwertheit auf, zeigt aber auch, wie sich diese Energie in Unsicherheiten und Fehlern verlieren kann. Ihr Werk kontrastiert zwischen Selbstbewusstsein und den unvermeidlichen Zweifeln, die den Weg der Jugend prägen.
Maximilian Ehrhardt, Berlin 2024
Informationen zur Aufnahme
Recorded june 4–6, 2024
Location: Klanghaus am See, Klein Jasedow, Germany
Balance engineer & recording producer: Jonas Niederstadt
Musical concept, texts and translations: Maximilian Ehrhardt
Corporate Design: Tim+Tim, timandtim.com
Cover photography: Alexander Gehring
Booklet photography: Jonas Niederstadt
Produced by Jonas Niederstadt
© 2025 Carpe Diem Records