Bach & Castelnuovo-Tedesco: Guitar Music
Bach & Castelnuovo-Tedesco: Guitar Music
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Katalognummer: CD-16315
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tracklist
Tracklist von "Bach & Castelnuovo-Tedesco: Guitar Music"
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Suite c-Moll BWV 997
01. Prelude 3:49
02. Fuga 8:15
03. Sarabande 4:26
04. Gigue & Double 6:57
Mario Castelnuovo-Tedesco (1895–1968)
Escarramán – A Suite of Spanish Dances from the XVIth Century (after Cervantes) op. 177
05. Gallarda 3:45
06. El canario 3:52
07. El villano 3:20
08. Pesame dello … 4:48
09. El Rey Don Alonso el Bueno 4:45
10. La guarda cuydadosa 4:23
11. Capriccio Diabolico op. 85 10:17
total time 58:43
Booklet-Text
„Einer Gitarre eine wunderschöne Stimme zu geben, einen wunderschönen Klang, das ist ein Lebenswerk.“ Daniel Friederich
Daniel Friederich, am 16. Januar 1932 in Paris geboren, erlernte zunächst wie sein Vater Léon und sein Großvater Mathias das Tischlerhandwerk. In dem Pariser Stadtteil Faubourg Saint-Antoine, berühmt für die traditionelle französische Möbelbaukunst, ist auch die Familie Friederich mit langjähriger Stellmacher-Tradition zu Hause. Daniel Friederich zählte zu den 11 besten Tischlermeistern von 400 Absolventen in seinem Jahrgang. Als er nach kurzer Tischlertätigkeit seinem Vater gegenüber den Wunsch äußerte, lieber Gitarren bauen zu wollen, war dieser nicht gerade angetan von dieser Überlegung. Doch bereits die erste von Daniel Friederich gebaute Gitarre begeisterte den Vater sehr und er unterstützte ihn bei der Etablierung einer eigenen Werkstatt. Von dem bekannten französischen Luthier Robert Bouchat erhielt Daniel Friederich wertvolle Anregungen.
Über 60 Jahre lang baut Daniel Friederich exzellente Instrumente, die von Gitarristen in aller Welt gespielt werden. Im Jahr 2012 wurde ihm der Industry Leadership Award von der Guitar Foundation of America verliehen. Mit dieser Auszeichnung, der Aufnahme in die GFA Hall of Fame, wird „seine extensive Arbeit und Hingabe zur Kunst gelobt, die die gesamte Welt des Gitarrenbaus beeinflusste und unzählige Gitarristen inspiriert“. (Martha Masters, Präsidentin Guitar Foundation of America)
Friederich-Gitarren zeichnen sich durch einen besonders edlen, tiefen, ausgeglichenen Klang aus. Charakteristisch ist der sonore Ton, der sich erst nach dem Spiel in seiner ganzen Breite entfaltet und im Vergleich zu anderen Gitarren enorm lang nachklingt.
Bach & Castelnuovo-Tedesco
Johann Sebastian Bach (1685–1750) und Mario Castelnuovo-Tedesco (1895–1968) – zwei ganz verschiedene musikalische Welten. Diese in einer Aufnahme zu kombinieren, ist sicher ungewöhnlich. Doch in Bezug zum Instrument gibt es wohl kaum eine anspruchsvollere und gehaltvollere Kombination, die die Möglichkeiten des Instrumentes gänzlich ausschöpft und die Tiefe, die Balance und das Sustain der Gitarre so hervorragend zur Geltung bringt.
Die Suite c-Moll BWV 997, auch bekannt als Partita für Laute, Lautenwerk oder Cembalo, ist ein Werk, das sehr viele musikwissenschaftliche Kontroversen entfachte, denn ein Originalmanuskript ist nicht mehr erhalten, doch umso größer ist die Zahl der Abschriften. Für welches Instrument Bach diese Suite geschrieben hat, ist nicht ganz gewiss und auch die untypische Satzform wirft viele Fragen auf. Nur zwei Sätze, Sarabande und Gigue, sind von dem eigentlichen Kernsatz einer Suite (Allemande – Courante – Sarabande – Gigue) vorhanden. Eine Besonderheit ist die für eine Suite verhältnismäßig übergroße DaCapo-Fuge, die man in dieser Länge eher aus Bachs Violinsonaten kennt und die dann eigentlich durch einen anschließenden langsamen Satz in Paralleltonart relativiert wird. Wie das Prelude, eines der bekanntesten von Bach, und wie die Fuge beginnt auch die Sarabande mit dem gleichen Tonmaterial. Das Anfangsmotiv der Sarabande erinnert an den Schlusschor der Matthäuspassion („Wir setzen uns mit Tränen nieder“). Gigue und Double – zwei Sätze mit gleicher harmonischer Struktur – bilden den Kontrast zur Tiefe und Schwere der vorherigen Sätze. Nach Johann Mattheson, Zeitgenosse von Bach, wird die Tonart dieser Suite charakterisiert als „ein überaus lieblicher dabey auch trister Tohn“.
Mario Castelnuovo-Tedesco, der als Pianist weniger über spezielle Kenntnisse der Spielbarkeit der Gitarre verfügte, hinterließ der Gitarre ein technisch sehr anspruchsvolles Repertoire von hoher künstlerischer Qualität. In seinen Werken ist die Verarbeitung des Exil-Traumas häufig herauszuhören. Denn wie seine Vorfahren, die sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen lassen und von Spanien nach Italien im Zuge der Vertreibung der Juden auswanderten, so musste auch er dieses Schicksal durchlaufen und 1939 aus Italien nach Amerika flüchten. Durch die Besinnung auf die familiären Wurzeln hatte Castelnuovo-Tedesco eine Affinität zur spanischen Kultur und Literatur. Bei der Vertonung des Escarramán wählte Castelnuovo-Tedesco die Suite als Vorlage, griff dazu alte spanische Tanzformen wie Galliard oder Canarie wieder auf und kombinierte sie frei.
Escarramán war eine Gestalt der Unterwelt der spanischen Literatur im Siglo de Oro. Auch Miguel de Cervantes (1547–1616) schrieb in seinem Werk Entremeses über Escarramán. Im spanischen Theater zur Zeit von Cervantes dienten Entremeses als Zwischenspiele, die zwischen zwei Aufzüge eines Schauspiels geschoben und oft mit Musik und Tanz abgeschlossen wurden. Üblich waren Zwischenspiele gröberer Art. Nicht aber die Cervantinischen, diese sind kleine Meisterwerke mit feiner Satire. Vielleicht weil sie künstlerisch anspruchsvoller waren als üblich, wurden sie nie aufgeführt, Cervantes beauftragte dennoch den Druck der Entremeses. Mario Castelnuovo-Tedesco ließ sich vor allem von dem Zwischenspiel vom verwitweten Gauner Trampagos zu einem Werk für Gitarre inspirieren. In dem Schlussteil dieser Erzählung wird auf zwei Gitarren zum Tanz aufgespielt und Escarramán- eigentlich ein Gauner, der Reiche bestahl, um Arme damit zu beschenken, aber zugleich bekannt als hervorragender Tänzer– zeigt seine Kunst u.a. zur Galliard, Romanze oder Canario. Diese Tänze setzt Castelnuovo-Tedesco in seiner Suite nicht im Stil dieser Epoche, sondern als kleine musikalische Erzählungen in seiner ganz eigenen Kompositionsweise um.
Zum Erstaunen der Polente (1)
und zu seinem eignen Glück
kam Escarramán, der Große,
von der Entenbank (2) zurück.
Seine schönen Fähigkeiten
zeigt er wieder in der Welt,
zeigt, wie er mit Schwung und Feuer
königlich die Nacht beherrscht.
(…)
Was ihr wollt, wir spielen´s auf,
ob Kanarisch, ob Gambeten,
ob „dem Bauern gibt man drauf“,
Sarabande, Sambapalo,
„Tut mir leid“ und andere auch,
„König Alfons“ noch, den Guten,
dem man einst viel Ehr´ gezollt.
Escarramán:
Gern wollt´ ich allein ihn tanzen,
so ihr mir „Kanarisch“ spielt!
Musikant:
Gut. Doch spiele ich wie Silber,
mußt du tanzen jetzt wie Gold!
(Miguel de Cervantes)
(*1 gaunersprachliche Abwandlung für Polizei / *2 Kriegsschiff, auf dem Sträflinge rudern mussten)
Mario Castelnuovo-Tedesco traf 1932 den spanischen Gitarristen Andrés Segovia in Venedig. Es entwickelte sich eine Freundschaft, aus der zahlreiche Kompositionen für Gitarre hervorgingen. Das Capriccio Diabolico entstand drei Jahre später – es ist Segovia gewidmet, der sich von Castelnuovo-Tedesco eine Hommage an Paganini wünschte. Niccolò Paganini (1782-1840) beherrschte auch das Gitarrenspiel virtuos und komponierte auch für Gitarre. Die Kenntnisse der Gitarrentechniken beeinflussten wiederum seine Geigentechnik – das Übertragen gitarrentypischer Spieltechniken auf die Violine verhalf zur oft zitierten diabolischen Wirkung seines Violinspiels in Kombination mit einer wirkungsvollen Inszenierung seiner Auftritte. Bei Castelnuovo-Tedesco’s Capriccio Diabolico steht die Zurschaustellung von Virtuosität nicht im Vordergrund, vielmehr beeindrucken die lyrischen, melancholischen Passagen. Paganini wird nicht imitiert, sondern lediglich am Ende des Werkes mit einem kurzen Motiv aus dem Violinkonzert Nr.2 op. 7 „La Campanella“ zitiert.
Eine Anekdote zum Instrument
Mein Vater hatte auf dem Dachboden eines Schulfreundes eine alte italienische Gitarre gefunden. Er konnte sie ihm abkaufen und begann, sich selbst das Gitarrenspiel beizubringen. Mit großer Begeisterung und Liebe zu diesem Instrument musizierte er stundenlang und vergaß dabei die Zeit. Als mein Großvater ihn Heiligabend das dritte Mal zu Tisch rief und mein Vater immer noch auf seiner Gitarre zupfte, wurde der Großvater wütend, ging die Treppen hinauf zum Zimmer, entriss meinem Vater die Gitarre und schlug sie ihm über den Kopf. Das Instrument zersprang in viele kleine Splitter. Aber noch am selben Abend saßen beide zusammen am Tisch und versuchten, die einzelnen Teilchen zu ordnen und das Instrument wieder zusammenzuleimen. Das Thema Gitarre war in der Familie dennoch nicht ganz beerdigt.
Als mein Vater später meine Mutter kennenlernte und sie nach ihrem Beruf fragte, erklang das Wort wieder und erweckte alte Erinnerungen. Und einige Jahre später, als mich mein Großvater fragte, was ich denn einmal studieren möchte … da half es auch nicht mehr, dass er versuchte, mich vom Klavier zu überzeugen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir, meine Eltern und ich, schon auf der Suche nach einem neuen Instrument für mich, das die Anforderungen für Wettbewerbe, Studium, Konzerte, Kammermusik etc. erfüllen sollte. Wir waren lange unterwegs, um Instrumente auszuprobieren. Zufällig erhielten wir eine Mitteilung eines Händlers, der gerade zwei sehr schöne Instrumente in seine Sammlung aufgenommen hatte: eine R. Jacob Weißgerber und die Daniel Friederich-Gitarre.
Gemeinsam fuhren wir dorthin und spielten die Gitarren. Wie eine Königin der Instrumente übertraf die Friederich-Gitarre alle anderen Gitarren klanglich im Vergleich. Jedoch musste man sich auf die Schwierigkeit einlassen, dass sie erst nach intensiver Arbeit ihre Qualitäten offenbart. Diese Herausforderung hätten wir gern in Kauf genommen. Mein Vater hätte meiner Mutter und mir diesen Wunsch auch sehr gern erfüllt. Doch das einfach anzunehmen, empfand ich aufgrund des Preises nicht angemessen und so entschied ich mich dagegen.
Auf dem Weg zurück sagte keiner von uns etwas. Wir waren noch so berauscht von dem Klang der zwei besonderen Gitarren, das Spielgefühl hatten wir noch in den Fingern und die Frage im Kopf, ob diese Entscheidung richtig war. Jeder von uns träumte heimlich von den Gitarren. Nach einigen Tagen kam mein Vater von einer Dienstreise zurück und ohne dass wir es ahnten, holte er aus dem Auto überraschend gleich zwei Gitarren: die Weißgerber- und die Friederich-Gitarre, für meine Mutter und für mich.
Lübeck, Februar 2018
Elise Neumann
Informationen zur Aufnahme
Guitar by Daniel Friederich, built 1969, No. 247, spruce-rosewood
Recorded September 17-19, 2017
Recording location: Schloss Borbeck, Essen, Germany
Balance engineer & recording producer: Jonas Niederstadt
Corporate design: Tim+Tim, timandtim.com
Cover photography: Leif Marcus
Booklet photography: Leif Marcus (p.3, 13), Jonas Niederstadt (p.21)
English translation: Bridget Gerstner
© 2018 Carpe Diem Records
Presse / Rezensionen
American Record Guide
„BACH, J.S.: Lauten-Suite, BWV 997 (Bearbeitung für Gitarre) / CASTELNUOVO-TEDESCO, M.: Escarramán / Capriccio diabolico (E. Neumann) CD-16315
Gitarrenkonzert: Arlotti, Renata – CASTELNUOVO-TEDESCO, M. / ASENCIO, V. (Suiten und Hommagen) STR37079
Ich liebe die Musik dieses Mannes, habe viel davon gespielt und noch viel mehr gelesen. Aber die Suite Escarraman ist neu für mich. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals gehört zu haben, und ich habe auch keine Partitur davon. Jetzt haben wir zwei Interpretationen – und zwar sehr gute.
Das Werk trägt den Untertitel „Eine Suite spanischer Tänze aus dem 16. Jahrhundert (nach Cervantes)“. Nur drei der sechs Sätze sind nach Tänzen benannt, und keiner hat einen wirklichen Tanzcharakter. Es ist nur im weitesten Sinne „nach Cervantes“, da es antike Klänge ohne jegliche Spezifität heraufbeschwört. Es ist reizvolle Musik – vielleicht nicht zu seinen allerbesten Werken gehörend, aber sicherlich wissenswert und spielenswert. Die Musik ist sonnig, charmant, einfallsreich – oft hat man das Gefühl, dass sie programmatisch ist, obwohl man allein anhand der Titel nichts Konkretes erkennen kann.
Und beide Künstler bieten uns hervorragende Darbietungen. Arlotti hat einen etwas besseren und abwechslungsreicheren Klang, Neumann eine etwas einfühlsamere Interpretation, aber ich kann mich unmöglich für einen der beiden entscheiden. Mit beiden kann man nichts falsch machen.
Neumann fügt eine schöne, wenn auch nicht besonders transzendente Bach-Suite in c-Moll hinzu – klarer Kontrapunkt, geschmeidiges, müheloses Spiel, ausdrucksstark ohne Übertreibung. Ich bevorzuge immer noch eine ausgeprägtere Persönlichkeit, wie in Jason Vieaux' Azica-Aufnahme (J/A 2009) oder Scott Tennant auf GSP, obwohl diese offenbar nicht mehr erhältlich ist. Neumann fügt außerdem eines der größten Werke von Castelnuovo-Tedesco hinzu, das Capriccio Diabolico. Es ist eine feurige Darbietung, sehr frei in den langsameren Passagen – für meinen Geschmack etwas zu sehr (obwohl es schließlich eine Hommage an Paganini ist). Es steht an der Spitze der mir bekannten Darbietungen. […]
Beide Künstlerinnen sind jung – Arlotti gibt ihr Debüt als Aufnahmekünstlerin. Und beide sind Schülerinnen von Oscar Ghiglia, obwohl Arlotti eine echte Protegé zu sein scheint und Ghiglia eine glühende (und wohlverdiente) Einführung gibt. Neumanns Hauptlehrer ist Franz Halasz, und sie ist bereits etabliert, hat in den letzten zehn Jahren Preise gewonnen und unterrichtet an der Universität Lübeck.
Wie soll man sich also entscheiden? Beide sind zum Vollpreis erhältlich, das hilft also nicht weiter. Was die Zusammenstellung angeht, würde ich Arlotti einen leichten Vorsprung geben, da sie mehrere Werke von Asencio aufgenommen hat, aber dann gibt es da noch Neumanns Capriccio Diabolico. Also greifen Sie tief in die Tasche und kaufen Sie beide. Sie werden mir dankbar sein." © 2018 American Record Guide